Dieser Text ist ohne Titel, ohne Inhalt und ohne Worte. Er ist frei von Interjektionen, Kommata und sonstigen Satzzeichen. Er wurde für eine Bühnensituation ohne Licht, ohne Ton und ohne Publikum geschrieben, mit sinnfreien Gedanken, bleifreien Stiften auf holzfreiem Papier.
Und deshalb ist er besonders gut bekömmlich, leicht zu verdauen und sogar für Babys geeignet. Er heilt Krankheiten, stoppt die Klimaerwärmung und beendet sämtliche Kriege. Er ist ohne das Böse und deshalb gut. Er ist freiiii, frei von…

Die amerikanische Lebensmittelindustrie hat irgendwann herausgefunden, dass sich Produkte mit der Auszeichnung Free From besser verkaufen lassen, weil sie festgestellt hat, dass große Teile ihrer Zielgruppe ängstlich, paranoid oder schlichtweg verunsichert sind. Und mit nichts lässt sich so gut Geld verdienen als mit Angst! Darum haben sie die so genannten Free-From-Produkte erfunden, (die wie jeder amerikanische Marketing-Bullschit, wenig später auch in unseren Supermarktregalen landeten.) Seit dem sind wir freiii.

Es gibt es glutenfreien Hartkäse, glutenfreie Schokolade und glutenfreies Bier. In Spanien wurde sogar glutenfreies Wasser angeboten. Ich mein’ Wasser! Spätestens jetzt müsste der letzte Ernährungslegastheniker festgesellt haben, dass Wasser nicht aus Getreide hergestellt wird. Die Zahl der Glutenfrei-Produkte hat sich weltweit schlagartig verdoppelt. Der Branchenriese Dr. Schär steigerte seinen Umsatz in den letzten 10 Jahren um circa 600 Prozent. Die Zahl der Menschen, die wirklich an Glutenunverträglichkeit leiden, ist jedoch gleich geblieben. Läuft bei Dr. Schär! Gleiches gilt für lactose-, fructose-, muctose- und ductosefreie Produkte, krautfreies Sauerkraut, nussfreie Erdnussbutter und vegane Froschschenkel.

Wir sind freiii, so freiii, frei von… Intellekt. Mich würde mal interessieren, ob sich folgendes auch für den doppelten Preis verkaufen ließe: Der Ziegengauner Alpenkäse – jetzt neu: frei von Käse. Wie kann man nicht kapieren, dass diese Freiheit absolute Unfreiheit bedeutet? Aber wir Menschen scheinen diese Unfreiheit zu brauchen. Wir brauchen jemanden der uns sagt, was richtig und was falsch ist, was gut und was böse ist, was wir dürfen aber vielmehr, was wir nicht dürfen.

Früher hatte diese Rolle die Religion inne. Nehmen wir die zehn Gebote. Oder sollte ich sagen: Die zehn Verbote? Denn tatsächlich enthalten sieben dieser Regeln Sätze wie: Du sollst nicht …! Das ist negative Psychologie. Nehmen wir die Tricks der Industrie und drehen das Ganze einfach um, klingts gleich viel schöner: Lebe frei von Mord und Totschlag. Lebe frei von Ehebruch. Lebe frei von anderen Göttern, außer mir, dem sündenfreien, hitzefreien und zuckerfreien Schokopupsigott.

Wir verlieren immer mehr den Bezug zur Religion, unser Verlangen nach einer höheren Institution, die uns sagt, was wir zu tun und zu lassen haben, bleibt jedoch bestehen. Gerade beim Essen haben uns Religionen immer schöne Regeln aufgetischt; das Judentum zum Beispiel: Iss kein Schwein, das is nicht rein! Oder anders ausgedrückt: Iss Lamm! Aber auch das Christentum ist nicht frei von solchen Regeln. Wusstet ihr, das in der Bibel steht: Esset keine Adler, es sind die Tiere des Herrn? Da muss ich sagen, finde ich das Christentum tendenziell die coolere Religion. Adler haben mir eh noch nie besonders gut geschmeckt.

Aber heute gibt‘s zum Glück die Lebensmittelindustrie, die uns mit ihrer pseudoreligiösen Küchenpsychologie vorgaukelt, dass etwas ohne das vermeintlich Böse das Gute ist. Das ist ein einfaches Prinzip, das schon immer gut funktioniert hat. Eine Welt ohne Terroristen ist gut. Wenn wir alle Terroristen töten, sind wir die Guten. Ohne Waffen, ohne zivile Opfer und ohne Krieg natürlich. Krieg ist ja auch so ein hässliches Wort.

Doch mit ohne ist nicht gleich mit! Das macht mich wütend. Und diese Wut würde ich gerne mit euch teilen, denn gemeinsam können wir diese negative Energie in positive umwandeln. Wenn ich meine Faust in den Himmel strecke, hätte ich gerne von euch ein bösartiges ohne! Wir proben das kurz: eins, zwei, drei, ohne! Ja!

Denn wir brauchen Nahrung, ohne eine Industrie, die uns vorschreibt, was gut und was schlecht ist. Wir brauchen Religion für geistigen Reichtum und ohne Einschränkung des alltäglichen Lebens. Wir brauchen Menschen, die nicht ohne zu denken konsumieren, wir brauchen Mit-menschen. Generell brauchen wir mehr mit und weniger ohne.

Wir brauchen ein Land mit der AfD, weil wir uns mit diesen Menschen auseinander-, nein zusammensetzen müssen. Kleine Anekdote am Rande: Ich war neulich in Mecklenburg-Vorpommern, in der tiefsten Provinz, und da lugte an einer Straße zwischen tausenden NPD-Plakaten ein AfD-Plakat hervor. Ihr Mann für unser Land: Thomas de Jesus Fernandes. Ja! Wir brauchen eine AfD mit Thomas de Jesus Fernandes! Zuwanderung jetzt stoppen! Dafür stehe ich mit meinem guten Namen: Thomas de Jesus Fernandes. Wenn das nicht alternativ ist.

Aber versteht ihr, was ich meine? Wir können nicht einfach sagen, unser Land ist ohne die AfD automatisch offen, tolerant und gastfreundlich. Das funktioniert nicht. Wir sind ja mit diesen Menschen sozialisiert.

Deshalb sage ich: wir brauchen mehr mit, statt mit ohne. Und das Ganze möchte ich mit euch zusammen sagen. Drum gebt mir wenn ich diese Geste mache {Linke Hand offen nach oben strecken} ein freundliches aber bestimmtes mit. Kurzer Test: eins, zwei, drei, mit.

Genau, denn wir brauchen mehr Mit-einander, wilde Küsse und heißen Sex mit-ten in der Stadt. Keine Angst vor Mit-life Crisis, sondern Zufriedenheit im Mit-telalter. Wir brauchen kein Jahr ohne Winter, sondern Mit-sommer. Brauchen nicht mehr Hitler, sondern Ver-mit-ler. Brauchen keine Politik ohne Streit, sondern Mit-menschlichkeit. Brauchen keine frei-von-Artikel, sondern Nahrungs-mit-tel.

Wir können wachsen, wenn jeder mit-denkt und mit-macht, mit lenkt und mit lacht. Das wollte ich euch mit-teilen. So! Und jetzt hol ich mir nen Döner und zwar mit allem.

© 2016 Phriedrich Chiller Friedrich Chiller

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